Neues aus Usedom

Was für eine Wendung gestern bei der Euro 2012 in Polen und Ukraine! Nachdem Russland nach dem ersten, furiosen Gruppenspiel-Sieg gegen überforderte Tschechen schon wie ein heimlicher Turnierfavorit aussah, hat sich die Mannschaft nach der Niederlage gegen Außenseiter Griechenland schon nach der Gruppenphase aus dem Turnier gespielt! Ähnlich erging es Gastgeber Polen. Tschechien und Griechenland stehen somit etwas unerwartet im Viertelfinale.

Das sollte auch heute für Deutschland als Warnung gelten, denn trotz der 2 Siege, ist unter Umständen auch für die deutsche Mannschaft ein Ausscheiden zwar nicht wahrscheinlich; aber immerhin möglich. Selbst für die 0-Punkte Holländer ist das Viertelfinale theoretisch noch drin!

Aber soviel zur Theorie. Ganz praktisch bietet uns die Euro noch ganz andere Schlaglichter. Verantwortlich dafür ist das Fernsehen selber und die UEFA, die die weltweite Bildregie „diktiert“:

  • Was die UEFA nicht sehen will und dementsprechend auch nicht senden lässt, sind politisch motivierte Protestaktionen wie die, einiger deutscher Grünen Politiker, die auf die fragwürdige politische Situation in der Ukraine hinwiesen.
  • Gesendet wurde auch nicht ein s. g. „Flitzer“, der während eines Spiels auf den kroatischen Trainer zulief und ihn umarmte.
  • Darüber hinaus ist bekannt geworden, dass die UEFA keine leeren Ränge während der Übertragungen gesendet haben will und stattdessen nur volle Ränge mit jubelnden, ausgelassenen und feiernden Fans zeigen lässt.

Was aber gesendet wurde, war Jogi Löw, wie er während des Spiels der deutschen Mannschaft gegen Holland einem Balljungen von hinten anschleichend einen Ball aus dem Arm tippt und sich darüber schelmisch freut. Dann aber im Interview nach dem Spiel beteuert, diese Szene sei noch vor dem Spiel gewesen. Moment…VOR dem Spiel? Die Verwunderung war groß…auch beim ZDF, die an dem Abend das Spiel übertragen hatte. Kurze Rücksprache mit der UEFA, die dann zugeben muss, dass sie die Szene unangekündigt in das laufende Spiel hineingesendet hat.

ARD und ZDF protestierten daraufhin umgehend und das böse Wort von Zensur, unangemessener Einflussname auf die Berichterstattung und Staatsfernsehen machte die Runde! Hintergrund ist die Tatsache, dass die deutschen Sendeeanstalten keinen Einfluss auf die Übertragungen haben und nur das zeigen, was ihnen die UEFA als sog. „Weltbild“ zur Verfügung stellt. Eigene Technik wird nur nach Spielende eingesetzt!

Allerdings haben die deutschen Sender auch ihre eigenen hausgemachten Kuriositäten aufzubieten:

  • Während die ARD mit Mehmet Scholl-Äußerungen tagelang die Schlagzeilen beherrschte und eine merkwürdige Debatte über Mario Gomez und seine manchmal passive Spielweise auslöste. Wohlgemerkt eine Spielweise wie sie seit Jahren bekannt ist und ihn zum Top Stürmer der Bundesliga hat werden lassen! Aber immerhin schaffen sie es, live aus den Stadien zu berichten und zumindest kommt so ein bisschen Stadion-Atmosphäre vor und nach den Übertragungen auf. Und mit Mehmet Scholl haben sie einen Experten, der das Spiel glaubhaft und auch mal pointiert erklärt und sich nicht nur in großen, steifen Sprachgesten fest redet!
  • Das ZDF hingegen hat sich für eine andere Strategie entschieden und lässt das Moderations Tandem Katrin Müller-Hohenstein (KMH) und Oliver Kahn („TITAN“) gar nicht erst in die Stadien der EURO 2012 reisen, sondern sendet stationär von der Ferieninsel Usedom aus. Auf runden Pontons im Wasser stehen die beiden und spielen sich regelmäßig „eckige“ Bälle zu, die mal der Eine, mal die Andere nicht zu verwerten vermag. Begründet wurde diese Sendeform mit der kulturellen, politischen und regionalen Nähe zum Austragungsland Polen! Da braucht man viel Fantasie, wenn man die beiden dabei „erwischt“ wie sie verkrampft bemüht sind die liegestuhlbewaffneten, fernsehgarten-tauglichen Urlauber in diesen Sinne zu unterhalten.
  • Ein als Highlight geplantes Ereignis, geriet darüber hinaus zum absurden Rohrkrepierer. Oliver Kahn sollte feierlich in die Social Media Welt eingeführt werden und seinen offiziellen Twitter Account einweihen. Deswegen veranstaltete eine Online Redakteurin vorab einen Aufruf, bei dem die Twitter Gemeinde einen passenden Profilnamen auswählen durfte, der dann originellerweise am Ende „OLIVERKAHN“ hieß!
  • Viel Wirbel um nichts? Es geht noch besser, denn sein mit viel TamTam angekündigter 1 sog. Tweet war dann ein banales „wir werden europameister“. Eigenhändig gepostet von, na klar, der Online Redakteurin! Dann sollte Kahns 1. Follower auf Twitter kein Geringerer als Harald Schmidt himself sein. Dummerweise hat die Online Redakteurin nicht das Original Twitter Profil sondern lediglich ein Fan Profil von Harald Schmidt ausgesucht!

Für mich stellt stellt sich da die Frage:

Sendet das ZDF eigentlich bei der Euro2016 aus dem Saarland oder von Korsika? (wegen der regionalen Nähe zu Frankreich, versteht sich!)

e.


TV Total(Ausfall)

Nun gut, über den kriselnden Gottschalk hab ich ja hier bereits geschrieben und trotz sog. „Relaunch“ mit Studiopublikum und neuer Studeioeinrichtung, die ein bischen nach Markus Lanz, oder Heute-Show..für manche sogar nach Tchibo aussieht, scheint der Weg Gottschalks aus der „Vorabend-Todeszone“ nach wie vor wie ein Irrgarten zu sein.

Immer mehr muss man annehmen dass der ARD letztlich keine Wahl bleibt, das TV Monument Gottschalk vom Sockel zu holen. Man hört, dass sich die ARD Sorgen um die Tagesschau-Quote macht….

Bei aller berechtigten Kritik an Gottschalk, die ich mehrheitlich teile, muss ich mich aber dennoch fragen, wo der Kern des Problems liegt:

Klar, Gottschalk Live und sein Sende Konzept ist im Vorfeld maßlos überhöht worden und wirkte mehr gewollt als durchdacht und zudem mit einem Moderator besetzt worden, dem im Vorfeld eigentlich niemand weder Talk-Show, noch „Social Media“ Kompetenz attetstiert hätte. Und um ehrlich zu sein, den Gegenbeweis ist Gottschalk bis heute mehr als schuldig geblieben!

Gut, andere Sender haben ähnliche Schnellschüsse mit bewährten Köpfen und bewährten Konzepten versucht und haben auch relativ schnell und teilweise panisch überhastet den Stecker gezogen.

Oliver Pochers quälende, selbstverliebte Comedyversuche: gut das kann man verstehen; Johannes B. Kerners haltungsarme Schmeichel-Talk Belanglosigkeiten für Bild-Zeitungsleser wollte auch niemand mehr sehen.

Dass Stefan Raab mit seiner teilweise erbärmlich humorlosen TV-Total Soße immer noch auf Sendung ist, liegt meines Erachtens auch mehr darin begründet, dass es kein adäquates Ersatzformat gibt und Raab es sich leisten kann sein abendliches Format als Promotion Vehikel für seine großen Event-Shows durchzuschleusen.

Und nun also Harald Schmidt! Das Aus nach nicht mal einem Jahr…Und warum? Die Quote! Immer wieder dieses Quoten Monster, vor dem jeder Fernsehmacher in seinem Elfenbeinturm vor Angst in die Knie geht.

Liegt das tatsächlich alles nur an den Köpfen, die keiner mehr sehen will? Oder macht man es sich vielleicht zu einfach, indem man wie im Fußball für teures Geld Stars einkauft und hofft dass dadurch Erfolg planbar sei? Wenn dem so ist, dann haben die aktuellen Entwicklungen dieses Prinzip ad absurdum geführt und als grandiose Fehleinschätzung offenbart!

Oder ist es ähnlich wie im Musik Business wo die großen Plattenfirmen die Entwicklungen im Internet Zeitalter erst verschlafen, unterschätzt und dann in panikartiger Weise dem illegalen Musiktausch im Netz per Klageflut Herr werden wollten? Und alles nur weil man meinte ein goldenes Kalb noch nicht zuende gemolken zu haben oder vom eigenen kreativen (Musik-Vermarktungs-) Totalausfall abzulenken?

Es scheint doch immer deutlicher eine Tendenz dahin zu gehen, dass sich die mediale Welt immer mehr ins Internet verlagert. Sei es Musik, sei es Printmedien…aber eben auch das Fernsehen, bzw. die Angebote immer mehr virtuell konsumiert werden. Die klassischen Offline Medien werden zunehmend weniger nachgefragt. Darin liegt vielleicht auch ein Grund für schlechte Quoten und gebe es das Internet nicht würden diese Quotendebatten nicht so drastische Kurzschlusshandlungen nach sich ziehen.

Ich hab mal Herrn Herres (Programmdirektor der ARD) per Twitter gefragt, warum die ARD mit Gottschalk, Günther Jauch und Kai Pflaume immer nur auf Bewährtes setzen?
Eine Reaktion hab ich natürlich nicht erwartet, aber die Frage bleibt ja trotzdem. Bei den anderen Sendern sieht es ja auch nicht viel besser aus…siehe Sat1.

Vieles wirkt so lustlos und nicht wirklich als ob man verstanden hätte, wie und was die Menschen heute gern sehen wollen. Dann doch lieber auf Nummer sicher die Leute bedienen die eh aus geriatrischen Gründen keine TV-Experimente mitmachen würden.

Welchen nutzen hat es wenn das ZDF in seinen  Sparten -Kanälen fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit neue Formate und neue Köpfe vor sich hin dilettieren lässt? Wie soll sich so die Fernsehlandschaft weiterentwickeln oder zumindest im Jahre 2012 ankommen?

Klar kostet Fernsehen Geld, kein Thema. Aber bitte mehr Mut zum Neuen..oder zumindest zum Experiment!

Oder braucht es dafür auch erst n Piraten-Sender in Anlehnung an verstaubte Politik und Demokratie Konzepte?

e.